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MEERESWÄLDER MANGROVEN
 

Meereswälder Mangroven

Als ich zum ersten Mal mit einem Boot in die Dschungelgebiete zwischen Meer und Land, in die Mangrovenwälder fuhr, war für mich die Stille, der modrige Geruch, das völlig trübe Wasser, das undurchdringliche Wurzelwerk etwas bedrückend.
Ich war umgeben von hölzernen Pflanzengemeinschaften, Bäumen bis 30 m Höhe, kleineren Büschen, in einem sich ständig durch die Gezeiten verändertem Gebiet. Und dies soll das
produktivste Ökosystem der Erde,
für Riffe und Seegraswiesen Nahrungslieferant,
Kinderstube für Fische,
Heimat vieler Vögel, Insekten, Pflanzen sein?
Die Namensbildung kann man ableiten aus dem mittelamerikanischen, spanischen = mangle, aus dem malayischen Ausdruck = mangli-mangli und
dem englischen = to grove = wachsen.
Interessant ist, dass z.B. am Roten Meer nur 1 Art, im ostasiatischen Raum aber über 20 Arten vorkommen. (an den Küsten von Afrika = 14, China = 4) Mangroven leben im tropischen Küsten- und Brackwasserbereich. Sie bevorzugen eine Wassertemperatur von 24 - 27 ⁰ C. und zählen zu den höheren Pflanzen, die salzwassertolerant sind. In der Rinde kann die Pflanze viele anorganische Stoffe wie Salze, aber auch Säuren und Laugen binden, so dass die Rinde als Gerbmittel in der Industrie verwendet wird. Sollte die Pflanze zuviel dieser Stoffe aufgenommen haben, so kann man den Abbau an den weißen Punkten, sog Salzdrüsen an der Blattunterseite erkennen, die durch eine Osmose eingeleitet werden.
Interessant ist auch die Vermehrung, denn die Früchte (klein, eiförmig in grüner Schale) sind schwimmfähig und werden durch Gezeitenströmungen verdriftet: Aber der Baum entwickelt auch 1 m lange, schmale, spitze Ableger, die sich nach dem Lösen am Baum wie ein Pfeil in den Untergrund bohren. Der Baum sitzt also direkt auf dem Riffuntergrund und bildet nach oben wachsende Atemwurzeln. Diese Atemmöglichkeit ist lebenswichtig, denn in dem Schlamm ist keinerlei Sauerstoff enthalten und die Wurzeln würden faulen.. Erst in dem obenauf liegenden gröberen, sandigen Sediment ist dies wieder möglich, aber Ebbe und Flut verändern laufend den Wasserstand.
Seitlich von diesen Pfahlwurzeln bilden sich Ernährungswurzeln, die das Gelände undurchdringlich macht. Dieses Wurzelwerk bindet eingeschwemmtes Material aus dem Binnenland. Die herabfallenden Blätter der Bäume werden bakteriell zersetzt und sind Dünger für andere Pflanzen und Tiere. Das Flechtwerk bietet Unterschlupf für Fische und ist die Heimat vieler Vögel und Insekten. Mangrovenwälder sind Wellenbrecher. Dies zeigte sich auch bei dem Szunami letzten Jahres, denn alle drei anrollenden Wellen wurden restlos gebrochen.
Bei meinem letzten Aufenthalt in Indonesien hatte ich ein besonderes Erlebnis, nämlich eine Tour in die Mangrovenwälder mit Einheimischen und erlebte, wie ganze Dorfgruppen in und von diesem Öko-Raum leben, aber auch wie ihre Umgebung systematisch zerstört wird.
Made/9 Jahre und Tschom/12 Jahre nahmen mich mit zum Muschel- und Krebssuchen in den Mangroven. Für die beiden gibt es keine festen Arbeitszeiten, denn diese werden durch die Gezeiten bestimmt.
Unser Kanu fuhr vor Morgengrauen, ausgestattet mit einer Leine, drei Eimern und einem Brandherd aus einem alten Ölfass gemacht, zwei Buchten weiter.
Gefrühstückt wurde eine Kochbanane und die Kinder rauchten eine qualmende, selbstgedrehte Zigarette. Auf der Fahrt rieben wir uns mit Speiseöl ein und ein Bündel von Palmenblätter entzündet, so dass wir in der Mangrovenbucht richtig eingenebelt waren. Wer nicht raucht, ölglänzend ist und sich nicht einnebelt, setzt sich schutzlos den Millionen von Mücken aus, der Malaria und dem Gelbfieber.

Barfuss steigen die Halbwüchsigen in den tiefgrauen Schlick, ziehen das Boot nach, hangeln sich an den Wurzeln weiter und greifen immer wieder bis zum Ellenbogen in den modrig riechenden Sumpf. Nach zwei Stunden im Schlamm watend, hustend beginnen sie zu singen, bekämpfen somit ihren Frust. Früher konnten sie auf einer solchen Tour etwa einen 1o l Eimer voll Muscheln und 50 – 60 Krebse fangen Bei unserer heutigen Ausfahrt sammelten sie 8 Krebse und etwa 20 Muscheln. Es werden immer weniger. Die Menschen bangen um ihre Lebensgrundlage, denn neben Muscheln und Krebse ist Fisch die elementare Nahrung, das wichtigste Lebensmittel für diese Eingeborene. Aber die Beute ist sehr oft vergiftet, denn es kommt immer öfters zu wahren Piraterie. Aus anderen Regionen kommen Sammler und fangen mit Gift Jungfische für den Zoohandel, vorwiegend für Aquarianer in Hong Kong und Japan, sicherlich auch für unseren Zierfischhandel.
Für die Einheimischen bedeuten die Mangrovenwälder mehr als nur Lebensraum, denn sie bewirtschaften diese Wälder, ohne an ihrer Substanz zu zehren. Sie gewinnen wertvolle Öle, Farbstoffe und Textilfasern aus der Rinde, Holz zum Bauen, Köhlern und Kochen und Ingredienzien gegen Malaria und andere Krankheiten.
Was ich nicht sofort sehe, zeigen mir die beiden Buben: Starke Salzausscheidungen an den Blattunterseiten der Bäume. Sie erklärten mir, dass dieses Salz aus dem Garnelenzuchtbecken auf der anderen Seite des Deltas komme. Tonnenweise werden auch die dort eingesetzten Pestizide und Insektizide hier eingeschwemmt.
Wir fahren weiter und die Jugendlichen erzählen mir, was vor Monaten passierte.
Obwohl die Mangrovenwälder in Indonesien unter gesetzlichen Schutz stehen, versagen die Schutzbehörde auf der ganzen Linie. Den großen Industriellen ist es ein Leichtes in einer Nacht mit Bulldozern ganze Flächen zu räumen, Wälle für Zuchtbecken aufgeschüttet und am nächsten Morgen haben dort angeblich nie Mangroven gestanden.
Die schon ohnehin armen Familien stehen vor dem totalen Aus und verkaufen ihr Land zu Dumpingpreisen.
Von den rund umfassenden Mangrovenwäldern der Insel stehen heute nach 10 Jahren weniger als die Hälfte. Seit der Aufschwung des Garnelenhandels weltweit rasant zunimmt, fallen in gleichem Tempo Mangroven und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis alles niedergeholzt und für immer vernichtet ist. Jüngst sind in den Zucht-Massen-Tierbecken unbekannte Viren (tödliche Weißfleck- und Gelbkopfviren?) aufgetreten. Die Antwort der Beckenhüter heißt Chlor und nicht Besinnung.
Als in letzter Zeit Leguane zur Fortpflanzung Löcher in die Wälle bohrten, wurden sie von „Angestellten der Zuchtbetriebe“ einfach abgeknallt. Ebenfalls werden Fischreiher und Pelikane auf diese Weise ferngehalten und somit werden den Inselbewohnern weitere Fleischquelle genommen.
Die Aktionäre der Zuchtanlagen kaufen wie bei Monopoly den Bewohnern das Land ab. Das internationale Garnelengeschäft läuft blendend. Ist das Land einmal billig erworben, wird es vollends “gesäubert“ und Planierraupen schieben die Erdmassen und Mangrovenreste auseinander.
Um den Becken Halt zu geben, wurden an der kleinen Flussmündung Betondämme gebaut und die Männer des Dorfes finden als Bautrupp für ein paar Wochen bezahlte Arbeit.
Aber jetzt schon reißen Strudel durch Ebbe und Flut die Sand- und Schlickbänke weg.
Um wenigstens irgendwie zu überleben, sammeln die Frauen Seegurken und trocknen sie. So kommt wenigstens für die Familie etwas Geld zusammen, aber durch dieses Abernten der „Meeresstaubsauger und Sandreiniger“ kommt auch hier das Öko-Gleichgewicht durcheinander.
Ein weiterer Versuch, die Familie zu ernähren ist, Muscheln und Schnecken für den Souvenirhandel zu sammeln. Über diese Sinnlosigkeit wurde viel geschrieben, aber was soll ich den hungernden Menschen erzählen? Hier bedarf es einer ständigen Betreuung und Maßnahmen durch die (nicht koruppte) Regionalverwaltung.
Die Menschen sind verzweifelt und die Leidtragenden sind zuerst die Kinder.
Wer kann, wandert aus, aber wohin in Indonesien?
Wir fahren weiter und uns überholt ein Speedboot der Garnelen-Kompanie in
voller Fahrt. Durch die Wellen kentert unser Boot und die Ernte der Schnecken und Krebse ist verloren. Wie diese plötzliche Verdrängungswellen in den Wäldern wirken, kann man sich leicht vorstellen.
Die Kinder erzählen, dass sie auch von den „Schützern der Anlagen“, wenn sie näher heranfahren, beschossen werden. Unfälle habe es bisher noch nicht gegeben.
Wir fahren zurück ins Dorf, da das Wasser steigt –alle Spuren der sog. Rodung werden verwischt- und andere Plätze anzufahren, ist sinnlos. Den Kindern ist die Lust vergangen und sie hoffen, dass die Geschwister erfolgreicher waren.
Der Vater hatte 4 Barsche geangelt, die zum Verkauf auf dem Markt vorgesehen sind, aber der ältere Bruder hatte eine Schildkröte gefangen. So gab es zum Abendessen eine Suppe und Kochbananen. Was soll ich sagen, wenn man von so viel Elend und Aussichtslosigkeit umgeben wird?
Wir saßen am abendlichen Feuer zusammen und gern habe ich meine Zigaretten „vergessen mitzunehmen“. Trotz meiner Niedergeschlagenheit waren die Leute freundlich und hatten immer ein Lachen übrig, wenn ich mit den Beinen verknotet, mit ihnen auf dem Boden saß.
Einer der fünf Arbeiter der Anlage erzählte, dass die Nachbarinsel komplett aufgekauft wurde und so ganz legal etwa 150 Becken ausgehoben wurden. Die Garnelen werden mit Mais und Fischmehl gefüttert, Antibiotika und ein Algenvernichtungsmittel beigesetzt, damit die Becken sauber bleiben (Mais und Heilmittel können die Einheimischen nicht mehr bezahlen)
Obwohl die Bedeutung der Mangrovengebiete im Öko-System bekannt ist, wird weiter an seiner Zerstörung gearbeitet. In den nächsten 20 Jahren werden die Wälder unwiederbringlich vernicht sein, trotz des Wissens, dass die Folgen für Mensch und Tier verheerend sind.
-Die Sedimentfracht der Flüsse wird ungebremst ins Meer gespült und Seegraswiesen, Korallen werden im Schlamm ersticken.
-Es fehlen organische Substanzen und der Artenreichtum wird sinken.
-Die Hälfte aller Fische pflanzen sich in Mangrovenwäldern fort oder benutzen sie alsKinderstube. Ohne Rückzugsgebiete wird die Population stark zurückgehen. Wenn der Fischnachwuchs fehlt, fehlen auch die größeren Fische.
-Die staatlichen und sozialen Spannungen werden unvermeidlich sein.
-Ohne diese natürlichen Barrieren werden Naturgewalten ungebremst auf die Küsten prallen und mehr Menschenleben fordern.

Was können WIR machen?
Die Einheimischen haben keine Lobby und dieses Thema geht an vielen vorbei, nur wenn wieder ein Zyklon weite Teile überflutet sehen wir Bilder im Fernsehen, aber an die kleinen Ursachen erinnert sich niemand.

Mein persönlicher Beitrag wird sein:
Auf „Tiger Shrimps“ in Maijonaise und Knoblauchsauce zu verzichten!

Axel Sabac (Biologe im Württembergische Tauchsportuntersuchung)
















 
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