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TAUCHPARADIESE AUS MENSCHENHAND
 

Taucherische Paradiese aus Menschenhand

Jedes Mal, wenn ein Wracktauchgang angesagt ist, kommen bei mir Erinnerungen an den Kampf mit enormen Wellen, meterhohen Brechern über den Bug, verbogene Stahlrohre an der Reeling, Chaos auf dem ganzen Schiff – ein Kampf gegen die Natur zum Überleben.
Wir haben es damals geschafft, aber die, deren Schiff jetzt auf dem Meeresgrund liegt, haben verloren – vielleicht haben Menschen ihr Leben verloren – und meine Erlebnisse in tosender See kann ich beim Tauchen in völliger Stille nachempfinden.
Nicht nur diese innere Einstellung muß ich überwinden, sondern es ist auch ein besonderer Tauchgang:
Direkter Abstieg zum Wrack,Verbindung zum Tauchpartner ist erschwert,Ausrüstung, Lampe, Photo, alles unter Kontrolle,schnell bin ich bei 25m bis 30m Tiefe, folge der Reeling,tauchen in jeden Ladeschacht, eng, Sedimente, Korallenbewuchs auf und nieder – Jojo-Effekt – noch ein bisschen tiefer,und dann bin ich ganz schnell in Deko, was ich eigentlich gar nicht will
Es ist eine Faszination in Farben und meistens auch an Fischen, aber ich stelle mir immer die Menschen vor, die vergeblich um den Erhalt des Schiffes, um ihr Leben gekämpft haben.Ganz anders waren meine Empfindungen, ja ich kann sagen, ich war wütend, als ich in Golf von Akaba drei Panzer als „Friedenssymbol“ unter Wasser sah. Der Zweck eines Panzers ist „Zerstörung“ –also ein Anachronismus als Sinnbild für Frieden.Öfters ist zu lesen, dass Schiffe für Taucher gut positioniert versenkt werden.Weil in Florida sich Taucher über mangelnde Abwechslung beschwerten, wurde ein neuer Rolls-Royce als Werbegag auf den Meeresgrund gestellt.
1994 wurde, wieder in Miami, eine komplette Boing 727 als Attraktion versenkt.
Der Natur hilft dies wenig, wenn:
die U.S.Navy Panzer in Bataillonsstärke kostensparend,
die Firma Goodyear ausgediente Autoreifen als „Schützenhilfe“ für die Natur versenkt,
das „MC Allister-Riff“ vor Manhattan aus Bauschutt aufgebaut,
das „Schaefer-Beer-Reef „ vor New York aus 14 000 betongefüllten Bierkästen besteht,
vor Südengland Riffe mit giftiger Flugasche aus dem naheliegenden Kohlekraftwerk aufgefüllt,
im Golf von Mexiko seit 1987 insgesamt 90 Bohrinseln versenkt wurden,
dann ist dies schwäbisch gesagt: „hehlinge“
Solche Kunstriffe ersetzen keine natürlichen Riffe und sind für den Korallenwuchs nicht förderlich, sondern dienen nur zum eigenen Vorteil.
Auf dieser Basis entwickelt sich in Japan ein eigener Industriezweig zum Bau künstlicher Riffe aus Beton-, Fiberglas- und PVC-Modulen in verschiedenen Formen und Größen, je nach gewünschter Besiedlung verschiedener gewünschten Fischarten, Muscheln und Algen.
In der Tat bescheinigen Fischereiuntersuchungen den Erbauern große Erfolge solcher „Unterwasserparadiese aus Menschenhand“.
Schon nach kurzer Zeit werden solche Objekte von tierischem und pflanzlichem Aufwuchs besiedelt. Der Fischereiertrag konnte bis zum zwölffachen gesteigert werden.
Aber welche Schadstoffe –und die werden von den dort lebenden Lebewesen aufgenommen – werden mit der Zeit von den sich auflösenden Substanzen freigesetzt?
Die Mengen von Blei, Kupfer, Cadmium, Teere übersteigen, gemessen nach sechs Jahren, weit die bei uns zulässigen Mengen in unseren Nahrungsmittel.
Beobachtungen über einen längeren Zeitraum belegen, dass sich weniger Fischarten an den künstlichen gegenüber den natürlichen Riffen tummeln. Es sind nur pionierhafte Kleingemeinschaften und dies kann niemals ein komplexes Öko-System ersetzen.

Zur Biologie:

Hartbodengemeinschaften bilden sich über Jahrzehnte aus Kalk der Korallen, die von verschiedenen Algen, Röhrenwürmer, Kleintiere, Mikroorganismen, vorbereitet werden.
Woher sollen diese Wegbereiter in kurzer Zeit herkommen, wenn solche künstlichen Riffe in einem Umfeld von Sand, Strömungen, von Fischern und Tauchern nahegelegenen und gut erreichbaren Stellen installiert sind?
Zwar finden sich rasch standortfremde Zuwanderer ein, vor allem größere Raubfische. Die aber fressen Breschen in die Bestände von Fried- und Plattfische und so werden z.B diese Gemeinschaften einseitig geschädigt.
Hier geht es um die Nachhaltigkeit und nicht um Fischereierträge, wenn gemessen an den Fangen in der Umgebung die Erträge viel höher sind.
Diese vordergründig ermutigenden Zahlen haben aber biologisch verheerende Folgen:
Zackenbarsche sind langlebige, große und langsamwachsende Fische und der Fang eines einigen Tages am künstlichen Riff entspricht der Population eines ganzen Jahres in dieser Fischart. Der Fangertrag an den Kunstinseln kann also nur darin liegen, dass Fische aus der Umgebung sich auf diesem kleinen Raum versammelt haben. Die Folge ist ein massives Überfischen der bereits geringen Bestände.
Die Befürworter von künstlichen Riffen argumentieren, dass der verfügbare Lebensraum neue Laichplätze, Schutz für Jungtiere böte und dadurch ein höherer Fortpflanzungserfolg, mithin ein höherer Fischfangerfolg zu verzeichnen sei.
Es fehlen aber konkrete längerfristige Vergleiche, denn bei genauer Betrachtung sind die vorliegenden Kurzzeitergebnisse auf Untersuchungen der Fischereiexperten zurückzuführen.

Fazit:
Die vorliegenden objektiven Daten geben keinen Rückschluss, dass durch künstliche Riffe der verfügbare Lebensraum vergrößert wird, sondern die Wahrscheinlichkeit der totalen Überfischung eintreten wird. Die Situation hat sich nur verschärft.
Diese Ergebnisse muß man jetzt den gutgläubigen Fischern vor Ort klar machen.
Künstliche Paradiese sind kein Ersatz für ein funktioniertes Öko-System und zeigt nachhaltig unseren Raubbau an den natürlichen Riffen.

Es bleibt ein Problem:
Viele Fischer jagen zu wenig Fische
Solche Ausführungen beweisen aber die Erkenntnisse, dass zerstörte Riffe dringend ersetzt werden müssen, weil das gesamte Ökosystem in Gefahr ist.
Korallenriffe sind Kinderstube, Schutz für Jungtiere, Wellenbrecher, es ist das artenreichste Ökosystem der Erde und der Mensch sägt an dem Ast, auf dem er selbst sitzt.
--Auf den Malediven wurden ganze Riffe gesprengt, um Baumaterial für Touristenunterkünfte zu gewinnen. Künstliche Schutzanlagen gegen die steigenden Wasser und Hafenanlagen kosten 16,5 Mill. US $. Da hätte man viel Zement zum Häuserbau kaufen können.
--Moderne Fischfangmethoden und wachsende Zahl von Fischerbooten machen aus der Selbstversorgungswirtschaft eine Exportbranche.
Auch wir Taucher sind sehr oft kein Vorbild, denn
Die Motorhaube des o.g. Rolls-Royce fehlte bereits nach 14 Tagen, stolz zeigten mir Taucher Verkleidungen der „Jura“ im Bodensee,
Die Schiffsschraube der „Silvia bei Meersburg“ ziert ein Taucherheim,
Ich sah 1992 die „Thisledorn“ im Roten Meer mit allen Zündschlüsseln der Fahrzeuge,
heute fehlen Scheinwerfer, Lenker, ganze Motorräder, Zelte, Stiefel, Toilettenschüssel,
Taucher brachten sogar Bomben als Souvenirs an Bord.
Im nachhinein stehen diese Souvenirs als Staubfänger nutzlos im Regal und wenn diese Jäger auf die Beute anspricht, so ist einzig und allein ein „Macho-Verhalten“ zu erkennen.
Wir sollten uns grundsätzlich gegen eine Vermüllung der Meere – gleich ob Attraktion, gewerbliche-, gedankenlose oder billige Entsorgung wehren.

Abbauzeit der ins Meer geworfenen Materialien:

Papier: 3 bis 6 Monate
Stoff: 6 Monate bis 1 Jahr
Zigarettenfilter: 5 Jahre
Lackiertes Holz: 13 Jahre
Nylon: mehr als 30 Jahre
Plastik: mehr als 100 Jahre
Metall: mehr als 100 Jahre
Glas: 1 Million Jahre
Gummi: unbestimmbare Zeit



Axel Sabac (Biologe im Württembergischen Tauchsportverband)